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High-Noon Kohlekraft: Die Abschaltung von Kohlekraftwerken als essentieller Schritt, um CO2-Emissionen zu reduzieren, ist gesellschaftlicher Konsens. (Foto: Joerg Trampert / pixelio.de)

Einen interdisziplinären Synthesebericht zum Kohleausstieg haben Wissenschaftler mehrerer Forschungsinstitute aktuell vorgelegt. Erstes Ergebnis aus dem Kopernikus-Projekt ENavi: CO2-Emissionen müssen bepreist und europäisch eingebettet werden.

Kopernikus-Projekt ENavi legt erste Ergebnisse vor

Wie kann der Stromsektor zur Erreichung der Klimaziele beitragen und wie organisiert man den Kohleausstieg ökonomisch effizient und ökologisch? Fragen wie diese fokussiert der Forschungsschwerpunkt „Transformation des Stromsystems“ des Kopernikus-Projekts ENavi, an dem das Institut für Energiewirtschaft und Rationelle Energieanwendung (IER) der Universität Stuttgart, das Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK) und das Institut für transformative Nachhaltigkeitsforschung (IASS) maßgeblich beteiligt sind. Schon im vergangenen Jahr hat das Team seine Ergebnisse der Kommission für Wachstum, Strukturwandel und Beschäftigung (Kohle-Kommission) präsentiert, jetzt berichtete die Fachzeitschrift GAIA darüber.

Um mindestens 55 Prozent will Deutschland die CO2-Emissionen bis 2030 im Vergleich zum Jahr 1990 senken: Die Abschaltung von Kohlekraftwerken als essentieller Schritt dahin ist inzwischen gesellschaftlicher Konsens. Doch der Kohleausstieg hat seinen Preis: Kostenbelastungen resultieren insbesondere aus dem Umbau des Energiesystems, beispielsweise der Transformation zu einer dezentraleren Stromerzeugung. Aber auch Begleitmaßnahmen wie Entschädigungen oder Strukturhilfen verursachen wirtschaftliche Belastungen, die letzten Endes von der Gesellschaft getragen werden müssen.

Andererseits stehen den Mehrkosten eines Kohleausstiegs die vermiedenen Folgekosten des Klimawandels gegenüber. „Wenn der Kohleausstieg mit geeigneten flankierenden Maßnahmen unterstützt wird, die garantieren, dass die negativen Effekte abgemildert werden, dann kann er das richtige Signal sein, um den Systemwandel einzuleiten“, sagt Claudia Hofer, wissenschaftliche Mitarbeiterin am IER, stellvertretend für die an der Studie beteiligten Wissenschaftler.

CO2-Emissionen müssen etwas kosten

Damit tatsächlich weniger Kohle verfeuert und damit weniger CO2 freigesetzt wird, müssen allerdings zwei Bedingungen erfüllt sein. So reicht es zum einen nicht aus, die Abschaltung von Kraftwerken ordnungspolitisch „von oben“ zu verfügen. Stattdessen müssen CO2-Emissionen mit einem angemessenen Preis versehen werden, wenn man den Kohleausstieg ökonomisch effizient und ökologisch umsetzen will. Ein solcher CO2-Preis könnte insbesondere den abzusehenden Rebound-Effekt verhindern. Dieser Mechanismus beschreibt, dass die Stromproduzenten nach der Abschaltung alter Kohlekraftwerke zunächst verstärkt auf moderne Kohlekraftwerke umsatteln, wenn die Kapazitäten vorhanden sind und diese günstiger produzieren als zum Beispiel Windkraftanlagen. Dadurch sinkt die Verbrennung von Kohle unter dem Strich erheblich weniger, als der Kohleausstieg vermuten lässt, was den Effekt auf den CO2-Ausstoß und damit letztendlich für das Klima erheblich mindert.

Es gilt, den „Wasserbett-Effekt“ zu vermeiden

Um zu vermeiden, dass CO2-Einsparungen in Deutschland aufgrund des sogenannten „Wasserbetteffekts“ zu steigenden Emissionen im europäischen Ausland führen, muss ein solcher CO2-Preis zum zweiten in die europäische Klimapolitik eingebettet sein. Der Wasserbetteffekt beschreibt eine Schaukelbewegung, die durch die Praxis des europäischen Emissionshandels (ETS) ausgelöst wird: Wenn Deutschland seine Emissionen reduziert, sinkt auch die Nachfrage nach ETS-Zertifikaten, wodurch diese bei gleichbleibender Menge billiger werden. Das wiederum lässt die Nachfrage der anderen Länder nach Zertifikaten steigen, was letztendlich den Kohle- und Gasverbrauch dort und damit auch die CO2-Emissionen wieder in die Höhe treibt. Dieser Effekt kann durch eine entsprechende Stilllegung der ETS-Zertifikate vermieden werden.

Navigationssystem für die Energiewende

ENavi steht für ein „Energiewende-Navigationssystem zur Erfassung, Analyse und Simulation der systemischen Vernetzungen“ und ist eines von vier Kopernikus-Projekten, die das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) als bis dahin größte Forschungsinitiative zur Energiewende ins Leben gerufen hat. Der Forschungsschwerpunkt „Transformation des Stromsystems“ hat, so teilt die Universität Stuttgart mit, gezeigt, wie durch inter- und transdisziplinäre Zusammenarbeit ein wissenschaftlicher Mehrwert entsteht, der durch diverse Kanäle erfolgreich in die Politik getragen werden kann. Mitentscheidend dafür war, dass die Forschung konsequent auf Diskurs und politische Umsetzbarkeit hin ausgerichtet war.

Für die nächste Phase sollen der Ansatz verstetigt und geschärft sowie ein übergreifendes Leitbild entwickelt werden, das vor allem über die sektorale Begrenzung hinausgeht. Der Fokus könnte laut Universität Stuttgart die „Nahezu-Null-Emissions-Gesellschaft“ sein, die eine Transformation aller Sektoren und eine integrierte Betrachtung erfordert. (kew)

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