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Jochen Bauer

Wie kann künstliche Intelligenz (KI) dabei helfen, Menschen in ihrer Wohnung zu unterstützen und Häuser wirtschaftlich zu betreiben?

Mit dieser Frage beschäftigt sich das Projekt „ForeSight“, das im Rahmen der Initiative „Künstliche Intelligenz als Treiber für volkswirtschaftlich relevante Ökosysteme“ des Bundes in den kommenden drei Jahren gefördert wird. Als offene Plattform soll „ForeSight“ bestehende und neue Smart-Living-Lösungen in ein hersteller- und branchenübergreifendes Gesamtsystem integrieren.

 Der Lehrstuhl für Fertigungsautomatisierung und Produktionssystematik (FAPS) der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU) übernimmt das technologische Management. Ein Interview mit Jochen Bauer, der den Forschungsbereich Hausautomatisierung am FAPS leitet.

Herr Bauer, Sie haben sich erfolgreich im KI-Innovationswettbewerb des Bundes durchgesetzt. Was hat es mit dieser Initiative auf sich?

Mit dem Innovationswettbewerb setzt die Bundesregierung einen Baustein der nationalen Strategie für künstliche Intelligenz um. Der Wettbewerb ist branchenübergreifend und von vermutlich allen relevanten Akteuren zur Kenntnis genommen worden. Es wurden weit über einhundert Projektskizzen eingereicht, 35 davon durften im Rahmen einer geförderten zweiten Phase ein Umsetzungskonzept für die beschriebene Idee entwickeln. Am Ende wurden 16 Konsortien identifiziert, die ihre Konzepte in den kommenden drei Jahren vorantreiben und umsetzen dürfen. Wir sind natürlich sehr froh, dass unsere Partner und wir mit dem ForeSight-Konzept überzeugen konnten und nun die Chance haben, beim vermutlich größten Smart-Living-Projekt der nächsten zehn Jahre in Deutschland mitwirken zu dürfen.

Sie forschen an smarten Lösungen im Bereich Leben, Wohnen und Gebäudemanagement. Welche Rolle spielt die KI dabei?

In der Praxis kommt künstliche Intelligenz bereits zum Einsatz, etwa beim Energiemanagement oder bei technischen Assistenzsystemen. Doch das sind zumeist Insellösungen – es fehlt an Systemen, die hersteller- und branchenübergreifend genutzt werden können. Zwar verbessert sich die Interoperabilität langsam, aber die Integration und Digitalisierung bestehender Prozesse ist heute noch größtenteils unberücksichtigt. Genau hier kann KI helfen. Ich möchte als Beispiel einen Service der Wohnungswirtschaft nennen: Warum ist es nicht möglich, das Schlüsselmanagement, also etwa die Vergabe von Schlüsseln im Rahmen eines Mieterwechsels samt deren Berechtigungsstufen, komplett digital abzuwickeln und dabei den Kontext zu berücksichtigen? Solchen Herausforderungen werden wir uns in ForeSight widmen.

Womit werden Sie sich in ForeSight konkret beschäftigen?

Im Rahmen von ForeSight konzentrieren wir uns auf das Gebäudemanagement. Wir wollen einerseits wichtige Forschungsergebnisse generieren, parallel dazu aber auch den Grundstein für lauffähige Module legen, die von Drittsystemen genutzt werden können und sich erfolgreich am Markt etablieren. Das Projektteam wird KI-Basisservices anbieten, die eine Kontexterkennung zulassen, Menschen und ihre Aktivitäten erkennen und die Prozesse und Services der Wohnungswirtschaft in die Welt des Smart Living einbetten. So könnten Sensoren in der Wohnung den Tagesablauf der Bewohnerinnen und Bewohner analysieren, das Energiemanagement darauf ausrichten und etwa eine Abwesenheitssimulation starten, wenn die Familie verreist ist. Als weiteres Beispiel ist denkbar, dass das System Unterstützung in Notfällen bietet, im Haus anwesende Personen verständigt und die Tür beim Eintreffen des Rettungsdienstes automatisch entriegelt. Unsere Strategie ist es, die konzipierten Module zunächst im Labor, dann in Musterwohnungen und schließlich in Umgebungen mit realen Mieterinnen und Mietern zu testen und zu evaluieren. Am Ende der Projektlaufzeit rechnen wir mit einer Methodenplattform, die über zahlreiche robuste Module verfügt und in den Bereichen Interoperabilität, Security, Datenschutz und natürlich KI neue Maßstäbe setzen wird.

Welche Einrichtungen sind an ForeSight beteiligt?

Insgesamt sind wir 17 Konsortialpartner und weitere knapp 50 assoziierte Partner. Es handelt sich hier um einen interessanten Mix aus Anwenderunternehmen, Verbänden und Forschungseinrichtungen, mit dem wir die Wertschöpfungskette der angestrebten Plattform sehr gut abdecken. Die bekanntesten Vertreter sind sicher Bosch, der Zentralverband der Elektroinnung und das Deutsche Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz, außerdem sind zahlreiche Hidden Champions beteiligt, also KMU, die eine wichtige Rolle im globalen Markt spielen. Der Lehrstuhl FAPS übernimmt das technologische Management. Wir tragen Sorge dafür, dass am Ende alle Konzepte und Module in ein Gesamtsystem integriert werden. Darüber hinaus bearbeiten wir Fragestellungen zu Interoperabilität, Skalierbarkeit, Datenschutz, Security, Identity- und Access Management und natürlich auch zum Thema KI.

Wie wird sich Ihrer Ansicht nach unser Leben durch Smart Living in den kommenden zehn Jahren verändern?

Ich denke, in zehn Jahren werden wir wahrscheinlich alle diverse Sensoren und Steuerungstechnik in unseren Wohnumgebungen haben, die auf sinnvolle Weise miteinander interagieren und wichtige Mehrwerte für uns schaffen: Wir werden länger in der eigenen Wohnung bleiben können, bevor ein Wechsel ins Pflegeumfeld notwendig wird. Wir werden Geld und Ressourcen durch geschicktes automatisches Energiemanagement einsparen. Der Lebens- und Wohnkomfort wird sich insgesamt verbessern. Ein sehr sensibles Thema dabei ist der Umgang mit den vielen generierten Daten. Wir werden deshalb auch an technologischen Möglichkeiten arbeiten, die dafür sorgen, dass die Datenhoheit beim jeweiligen Anwender bleibt und ein Datenmissbrauch möglichst vermieden werden kann.

Quelle: Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg

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