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Claus Händel, Geschäftsführer des FGK: Lüftung sollte in keinem Fall dem Zufall überlassen werden.

„Zum Erreichen der Klimaziele dürfen wir die Wärme nicht zum Fenster rausheizen“

Ein Interview mit Claus Händel, Geschäftsführer des Fachverband Gebäude-Klima e. V. (FGK), zum Thema „Lüftung in Schulen“ aus der GI 5/13.

Die GI-Redaktion hat Dipl.-Ing. Claus Händel, Technischer Referent des FGK, auf dem Fachkongress „Lüftung in Schulen“ im Herbst 2013 in Leipzig getroffen und ihn zum Thema befragt.

GI-Redaktion: Herr Händel, Sie haben für Ihren heutigen Fachkongress zum Thema Lüftung in Schulen in den Leipziger Zoo eingeladen. Gibt es für die Wahl dieses klimatisch hochinteressanten Ortes einen bestimmten Grund?

Claus Händel: Als wir den Kongress vor gut zwei Jahren in Wiesbaden zum ersten Mal veranstaltet haben, dachten wir an ein einmaliges Event. Jedoch sind wir von der Resonanz und dem Interesse an dem Thema förmlich überrollt worden. Schließlich hat sich daraus eine Roadshow entwickelt: Wir waren in München, Hamburg, Berlin, Kassel, Stuttgart und Duisburg. Dass die Veranstaltung aus-gerechnet im Leipziger Zoo stattfindet, ist eher Zufall. Ursprünglich hatten wir einen anderen Ort im Auge, der jedoch bereits vergeben war. Dann dachte ich, der Zoo passt doch recht gut zum Thema Kinder. Immerhin geht es ja heute um Lüftung in Schulen und Kinder brauchen frische Luft.  

GI-Redaktion: Wir dachten, die Ortswahl hätte vielleicht lüftungstechnische Hintergründe?

Claus Händel: Das Tropenhaus ist ein lüftungstechnisches Highlight. Ich wollte eine kurze Besichtigung machen, aber das ist leider nicht möglich. Die Konditionen, die hier gefahren werden – tropische 30 Grad Celsius, hohe Luftfeuchtigkeit, außen klimatisiert oder beheizt – sind ein Extremfall. Entsprechend komplex sind auch die Klimageräte. Aber das ist natürlich kein Maßstab für Schulen.  

GI-Redaktion: Womit wir beim eigentlichen Thema sind – Schulen.  Im Bereich der Bestandsgebäude und deren Sanierung hat sich ein nicht unerheblicher Markt entwickelt und der Bedarf an effizienten und bezahlbaren Lüftungssystemen an Schulen ist da. Wie würden Sie die Technologien, die aktuell auf dem Markt sind, aus Ihrer Sicht einordnen? Welche Technologien sind besonders Zukunftsweisend?

Claus Händel: Das ist momentan schwer zu sagen. Es gibt eine breite Angebotspalette von der Sanierung bis zum Neubau. In der Sanierung hat man meist nur die Möglichkeit dezentrale Systeme einzusetzen, wobei  es vor allem darauf ankommt, wie die Raumzuschnitte, die Deckenhöhen und die Flächen beschaffen sind. Je nach dem kommen ganz verschiedene Systeme zum Einsatz. Gerade wegen der unterschiedlichen Geometrie von Bestandsgebäuden ist die Vielfalt der Technologien von Vorteil. Mit einem Baukasten-Prinzip kommt man da nicht weit.

Im Grunde bilden Schulen als eine Art Miniaturbild ab, welche Anforderungen  zeitgemäße Lüftungssysteme in unserer Gesellschaft erfüllen müssen – vom Lüftungs- system in einem Standard-Klassenraum, über hoch komplexe Systeme für biochemische Laborräume, in denen häufig Experimente durchgeführt werden, bis hin zur einheitlichen Lüftung ganzer Gebäudekomplexe. Deshalb kommt es darauf an, zielgerichtete Lösungen anzubieten.

GI-Redaktion: Wie ist es mit älteren Schulgebäuden, bei denen die Nachrüstung zentraler Lüftungssysteme keine Option ist: Könnten einfache Lüftungspläne nicht ganz

Claus Händel: Das Thema Lüftungsplan wird ein vorübergehendes sein. Klassische Lüftungssysteme werden zum Teil dort favorisiert, wo Investitionen gescheut werden, wo automatisierte Systeme aufgrund bestimmter Rahmenbedingungen nicht möglich sind oder wo es an der Akzeptanz einzelner Technologien mangelt. Geht es jedoch um die Zukunft der Gebäudesanierung, dann kommen wir ohne automatisierte und das bedeutet vor allem auch planbare Lüftungssysteme nicht aus.

Lüftung sollte in keinem Fall dem Zufall überlassen werden. Meine Tochter ist gerade in die fünfte Klasse gekommen und ist seither Lüftungsbeauftragte. Ich bin mal gespannt, wie lange sie das noch sein wird. Mittel- und langfristig  wird der Anteil automatisierter Geräte zunehmen. Denn Lüftung ist nicht das einzige Problem, was es zu lösen gilt. Energieeffizienz und Behaglichkeitsthemen spielen ebenfalls zentrale Rollen. Öffnet man bei niedrigen Außentemperaturen das Fenster, wird es zunächst unbehaglich. Das ist ab und zu auszuhalten. Dennoch muss man sich fragen, wie oft solche Temperaturunterschiede zugunsten frischer Luft in Kauf genommen werden sollten. Ich denke, der Platz für hybride Systeme, ist häufig vorhanden, sodass manuelle Lüftungspläne in vielen Fällen durch mechanische Systeme unterstützt werden könnten. unkompliziert Abhilfe schaffen?

GI-Redaktion: Der Bedarf, das Fenster aufzureißen, ist ein ganz natürlicher. Wie lässt sich das individuelle Verhalten ganzer Schulklassen mit mechanischer Lüftung vereinbaren? Ist das individuelle Frischluftbedürfnis planbar?

Claus Händel: Das würde ich grundsätzlich immer voraussetzen. Wir sind weit davon entfernt, ausschließlich automatisierte Systeme zu verwenden. Als Verband für Lüftungs- und Klimatechnik sind wir der Meinung, dass der Nutzer immer die Möglichkeit haben muss, das Fenster zu öffnen, um ganz unabhängig von den verbauten mechanischen Systemen Zugang zur Außenluft zu haben.

Wir werden niemals mehr zu diesen Lösungen kommen, wo wir sagen, wir sperren die Leute ein und sorgen für gute Luft. Das ist in den 60er Jahren schiefgegangen und wird auch heutzutage nicht funktionieren. Im Hinblick auf Behaglichkeitskriterien oder die Energierechnung ist jedoch anzunehmen, welche Lüftungsweise der Nutzer schließlich vorzieht. Auch die Qualität von Außenluft oder der Geräuschpegel, mit dem bei geöffnetem Fenster so manche Schule zu rechnen hat, ist bei solchen Überlegungen von Bedeutung. 

GI-Redaktion: Lässt sich das individuelle Verhalten von Schülern vor dem Hintergrund wechselnder Wetterverhältnisse und anderer Bedingungen, die Einfluss auf das Raumklima haben, für automatisierungstechnische Lösungen zufriedenstellend einplanen?

Claus Händel: Bei Schulen gehen wir von bedarfsgeregelter Lüftung aus und dort, wo viele Personen anwesend und aktiv sind, also auch in Schulen, ist CO2 ein guter Indikator. Der CO2-Sensor stellt fest, ob ein Fenster geöffnet wurde und daraufhin ausreichend frische Luft vorhanden ist, sodass die Lüftungsanlage automatisch zurückgefahren wird. Dieses Prinzip hat sich bisher häufig und zufriedenstellend bewährt.

Was wir auch nicht vergesse dürfen: CO2 führt zu Müdigkeit. Unsere Schüler sind häufig müde. Die Gründe werden oftmals im schlechten Unterricht vermutet, dabei liegt es nicht selten an der schlechten Luftqualität. Wir können eine direkte Korrelation herstellen zwischen Leistungsfähigkeit und Luftqualität.

GI-Redaktion: Wie ist es um das Thema Legionellen in Schullüftungssystemen bestellt? Spielt das eine Rolle?

Claus Händel: Nein, das Thema spielt überhaupt keine Rolle. Wir sprechen an der Stelle von Lüftungsanlagen. Die Legionellen-problematik ergibt sich auf der Rückkühlungsseite, also dort, wo Kälte oder Kühlungsanlagen eingesetzt werden. Bei Lüftungsanlangen haben wir es mit trockenen Themen zu tun, da muss man sich keine Sorgen machen. Ganz im Gegenteil: Denn Lüftungsanlagen sorgen mit effizienten Filtern dafür, dass Schadstoffe abgebaut werden. Vor allem im Hinblick auf die Qualität von Außenluft, die wegen der Feinstaubbelastung in vielen Innenstädten nachgelassen hat, kommen immer häufiger Filter ähnlicher Art zum Einsatz.  

GI-Redaktion: Was müsste die Politik in die Wege leiten, damit Lüftung in Schulen insgesamt besser wird?

Claus Händel: Ich bin da Optimist. Ich glaube, es wird einen Automatismus geben. Erklärtes Ziel ist es ja, bis 2020 Nullenergiehäuser zu bauen  und ab 2020 den Bestand in Richtung Nullenergie zu entwickeln. Das werden wir schlicht nicht schaffen, wenn wir die Wärme zum Fenster rausheizen. Die Planungs-zyklen in der öffentlichen Hand – das ist allgemein bekannt – belaufen sich etwa auf drei bis sechs Jahre. Der energetische Druck sowie die Kostenseite werden die Hemmschwelle für Kommunen, in Lüftungstechnologien für ihre Schulen zu investieren, mittel- und langfristig sinken lassen. Gerade erst gestern habe ich mit Herstellern gesprochen, die mir sagten, dass nun die Projekte anstehen, die sie vor drei bis vier Jahren akquiriert haben. Diese Zeithorizonte muss man berücksichtigen. Zugleich weiß jeder, dass die Luftqualität in sanierten Schulen ohne maschinell nachgerüstete Lüftung schlecht ist. Das ist Fakt. Und doch glaube ich an einen langfristigen Trend zur energetischen Sanierung von Schulen im Lüftungsbereich.

Die Politik müsste fair fördern wie im Wohnungbau. Denn gerade im kommunalen Bereich zeigt sich, dass immer dort gebaut wird, wo gefördert wird. Die erste Frage im Stadtrat ist: Bekommen wir für das Projekt eine Förderung? Ich denke an diesem Punkt lässt sich ansetzen. Das heißt nicht unbedingt, dass man mehr Geld braucht und es muss auch nicht jeder Cent in Wärme-dämmung oder in die Fassade investiert werden. Manchmal könnte man die Gelder vielleicht ein bisschen fairer und offener verteilen.

GI-Redaktion: Für wie sinnvoll halten Sie Leitfäden für Lüftungssysteme in Schulen?

Claus Händel: Diese Veranstaltungsreihe zeigt, dass es einen großen Informationsbedarf gibt. Wir hatten bisher etwa 50 Prozent staatliche Ämter, die sich sowohl über die neuesten und bewährtesten Technologien informieren wollen, als auch über die Randbedingungen. Vor drei Jahren haben wir anfangen, zu diesem Thema einen kleinen Report zu machen. Inzwischen arbeiten wir daran, das Thema zu spezifizieren und es bedarfsgerecht für den Stadtrat, für Eltern oder für Schulen aufzubereiten.  Zugleich arbeiten wir an einem Planungsleitfaden, damit die Bauämter vor Ort wissen, wie sie ein solches Vorhaben handhaben. Es ist ein wesentlicher Aspekt, dass dieses Thema jetzt auch in die Öffentlichkeit kommt und wir an dieser Stelle noch Informationsbedarf haben.  

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