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Fachinterview: Digitalisierung in der Gebäudetechnik – Chancen für das Facility Management

Die Digitalisierung technischer Systeme wird derzeit gesellschaftlich intensiv diskutiert. Für das Facility Management von morgen bringt sie neue Chancen. Wie die aussehen könnten, erklären Oliver Habisch und Carsten Kreutze im Interview mit der Recknagel-Online-Redaktion.

Oliver Habisch und Carsten Kreutze sind Geschäftsführer von Recogizer, und haben das Unternehmen gemeinsam gegründet. Recogizer hat sich auf datenbasierte, vorausschauende Analysen für die energetische Optimierung von Gebäuden und Industrieanlagen spezialisiert.

Der Trend geht zum intelligenten und vernetzten Gebäude. Wie sehen Sie den aktuellen Stand der Digitalisierung in der Gebäudeenergietechnik?

Oliver Habisch: Den Trend können wir bestätigen. Besonders in Neubauten steigt der Einsatz von cloudbasierten Technologien und Sensoren gravierend an. Auch Retrofit-Lösungen für Bestandsimmobilien sind auf dem Vormarsch, wie Temperatur-, CO2- oder Kamera-Sensoren. Durch deren Vernetzung und die Speicherung der Daten in Form von Zeitreihen, wird der Grundstein für die Digitalisierung des Gebäudes gelegt. Die Verfügbarkeit von Daten und die Sicherstellung einer hohen Datenqualität sind wesentliche Voraussetzungen für eine intelligente Nutzung.

Welche Technologien sind notwendig bzw. welche derzeitig aktuellen Technologien sind prädestiniert dafür, die Digitalisierung im Gebäudebereich entscheidend voranzubringen?

Habisch: Grundlage sind immer die Daten aus Sensoren, Aktoren, Reglern oder Energiezählern. Diese konservieren das Gebäude- und Anlagenverhalten über die Zeit, unter Berücksichtigung weiterer Abhängigkeiten, wie dem Wetter oder der Belegungssituation. Dieser Datenschatz sollte in modernen Software-Architekturen hochverfügbar vorgehalten werden. Elementarer Schritt auf dem Weg zum digitalen Gebäude ist somit die strukturierte Erfassung und langfristige Speicherung relevanter Wirkbetriebs- und Verbrauchsdaten.

Zum Monitoring können Tools wie IoT-Plattformen bzw. Energiedatenmanagement-Lösungen eingesetzt werden oder auch die Gebäudeleittechnik selbst. Alle weiterführenden Optimierungen beruhen auf der aktiven Nutzung des Datenpools. Dafür prädestiniert sind z.B. maschinelle Lernverfahren. Robuste, schnell lernende Modelle sind der Schlüssel, um ein datenbasiertes Abbild von Gebäuden zu erstellen und zukünftige Nutzungsänderungen automatisiert zu erfassen. Der digitale Zwilling hebt die Möglichkeiten des intelligenten Gebäudebetriebs auf ein völlig neues Niveau, z.B. zur vorausschauenden Anlagenregelung oder -wartung.

Die Digitalisierung bringt neue Chancen für das Facility Management von morgen. Können Sie einige Beispiele nennen?

Habisch: Ein wichtiger Trend im technischen Facility Management ist Predictive Maintenance, die vorausschauende Wartung. Bevorstehende Ausfälle technischer Anlagen oder einzelner Komponenten lassen sich prognostizieren und beheben, bevor sie auftreten. Einerseits werden dadurch Stillstandzeiten reduziert. Andererseits kann das FM basierend auf Verschleißmodellen Ersatzteile in einer priorisierten Reihenfolge austauschen, was eine effiziente Personaleinsatzplanung ermöglicht.

Ein weiteres Beispiel sind digitalisierte Gebäudekarten. Diese Indoor-Maps können genutzt werden, um Positionen von Anlagenkomponenten, Sensoren oder sonstigem Equipment in der geografischen Ebene zu erfassen. So kann das FM bestmöglich, d.h. unter Berücksichtigung von Prioritäten und Laufwegen innerhalb der Immobilie navigieren. Gekoppelt mit Sensorik, lassen sich Kennzahlen für Zonen im Gebäude erheben, die Arbeitsplatz- bzw. Raumnutzung analysieren, bis hin zur Umstellung auf nutzungsabhängige Reinigungsmodelle.

Die Kür repräsentieren Lösungen wie unsere prädiktive Regelung als „virtueller Anlagenoptimierer“: Die Modelle erlernen das Verhalten von Anlage, Gebäude und Nutzung so genau, dass sie vorausschauend regeln können. Durch den planerischen Ansatz werden Kurskorrekturen (z.B. erst Heizen, dann Kühlen) signifikant reduziert. Das Effizienzprogramm führt vollkommen automatisiert zu einer dauerhaften Einsparung der Energiekosten.

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Im Interview: Oliver Habisch (links) und Carsten Kreutze sind Gründer und Geschäftsführer von Recogizer. (Quelle: Recogizer)

Wie genau funktioniert die Software energyControl und welchen Vorteil bringt sie dem Nutzer?

Carsten Kreutze: Der Energieverbrauch hat ein großes Gewicht, wenn man Kosten im Gebäudebetrieb senken möchte. Doch üblicherweise sind Effizienzmaßnahmen mit hohen Aufwänden verbunden. energyControl ist eine neue, innovative Lösung und geht einen kostengünstigen Weg: Mit Hilfe von Betriebs-, Verbrauchsdaten, Prognosen und intelligenten Modellen wird der Energieverbrauch für Heizung, Lüftung und Klima gesenkt. Klimatechnische Anlagen werden vorausschauend geregelt und verbrauchen dadurch weniger Energie. Im direkten Vergleich mit anderen Effizienzmaßnahmen punktet energyControl insbesondere durch kurze Amortisationszeiten von meist weniger als zwölf Monaten und stellt damit eine attraktive Alternative für Bestandsgebäude dar.

Wie steht es aktuell um die Sicherheit der Datenübertragung – Sind die Kunden überhaupt bereit energiespezifische Daten freizugeben, die Rückschlüsse auf ihr Nutzerverhalten erlauben würden?

Habisch: Verbrauchs- und Gebäudedaten werden in der Regel ohne Bedenken zur Verfügung gestellt, weil eine klare Zielstellung mit energiewirtschaftlicher Bedeutung besteht. Es handelt sich nicht um personenbezogene Informationen. Alle Daten sind auf die Immobilie gemünzt. Die Sicherheit der Datenübertragung ist ein wichtiger Punkt digitaler Geschäftsmodelle. Wenn Daten übertragen werden, erfolgt das auf Basis aktuellster Sicherheitsbestimmungen und Verschlüsselungstechnologien. Die Speicherung erfolgt ausschließlich in einem zertifizierten Rechenzentrum in Deutschland.

Wie schätzen Sie die Bedeutung der Digitalisierung für die Energieeffizienz ein?

Kreutze: Die Steigerung der Energieeffizienz ist Voraussetzung für das Gelingen der Energiewende, und eine ihrer drei Säulen. Nachdem man sich in der Politik lange hauptsächlich auf erneuerbare Energien konzentriert hat, rückt die neue Bundesregierung, das Thema Energieeffizienz wieder in den Fokus. Damit bekommt Energieeffizienz wieder einen hohen Stellenwert, denn die klimaschonendste Energie ist bekanntlich die, die gar nicht erst erzeugt werden muss.

Für das Erreichen der ambitionierten Klimaziele wird die Digitalisierung zentral sein. Die neuesten digitalen Technologien müssen dem Energiesektor zugänglich gemacht werden. Unternehmen, die maschinelles Lernen für energetische Optimierung einsetzen, können hier eine Voreiterrolle einnehmen. Denn Methoden der künstlichen Intelligenz gelten als nächste große Stufe der Digitalisierung. Davon kann die Energiewende unmittelbar profitieren: Bei niedrigen Investitionskosten lassen sich maßgebliche Effizienzgewinne erreichen.

Vielen Dank für das Gespräch!

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